Frau: Herr Souhail, warum ziehen Sie in Ihrer Freizeit Wurzeln aus dem Wald?
Souhail: Weil ich nicht anders kann. Abgesehen davon arbeite ich nicht nur mit Wurzeln. Es sind auch Äste, Geflechte und Baumreste, die mich vom Weg abbringen.
Frau: Wie meinen sie das “vom Weg abbringen”?
Souhail: Nun, wenn es diese geheimen, versteckten, unterirdischen Schönheiten nicht gegeben hätte, würde ich vielleicht in ein paar Jahren als gelangweilter und heruntergewirtschafteter Immigrant in Pension gehen. Und das war es dann gewesen. Unter “vom Weg abbringen” verstehe ich genau das: ich habe es – neben der intensiven Beschäftigung mit Sufismus und später auch Schamanismus - dem Wald zu verdanken, dass ich aufgewacht bin, dass ich eine neue Sicht auf mein Leben als Emigrant werfen durfte.
Frau: Wollen sie damit sagen, dass es Ihre Beschäftigung mit dem Holz war, die Ihnen geholfen hat, das Leben aus einem neuen Blickwinkel sehen zu können?
Souhail: Ja, so könnte man es sagen. Aber es geht noch tiefer: Wenn ich an Wurzeln arbeite, dann arbeite ich an meiner Herkunft. Ich bin hier in Europa wurzellos. Ich bin noch nicht einmal eine Seerose, denn selbst diese hat – auch wenn nicht sichtbar – ihre Herkunft in einem Boden, in der Erde. Das verhindert, dass es sie bei jedem Windhauch wegblast.
Meine Wurzeln, das was mich nährt und hält, ist immer noch meine Herkunft, die Erfahrungen meiner Kindheit und Jugend in Marokko. Es ist die Rauheit und Kargheit vorallem der Wueste, die mich geprägt hat. Es ist der Islam, die arabische Sprache, die Liebe meiner Familie die – wenn auch unsichtbar – mich am Boden halten, verhindern, dass ich wie ein entwurzelter Baum beim nächsten Sturm umfalle. Die Sicht auf meine Kultur ist oft getrübt. Vieles, was ich nun sehe, gefällt mir nicht, ich würde es gerne sehen, dass politisch, sozial, ökologisch die Dinge anders verliefen. Wenn ich jedoch meine Herkunft nicht schätzen, ehren und achten kann, schwächt mich das. Um nun nicht unbarmherzig über die Schatten meiner Kultur herzufallen und andererseits nicht in Illusion und sentimentalem Schönreden zu verfallen, musste ich wie ein Archäologe Stück für Stück ausgraben und auseinander nehmen.
Wenn ich eine Wurzel aus der Erde ziehe, sie von Dreck, Unkraut, alten Verletzungen, faulen Stellen und Parasiten befreie, dann befreie ich mich von Dreck, Unkraut, Verletzungen und Parasiten.
Was übrig bleibt? Schönheit. Es ist die Schönheit des Verborgenen, die mich immer und immer wieder – egal wie müde ich von meiner Arbeit bin – in den Wald gehen lässt und nach dem Unerwarteten, nach dem Unsichtbaren Ausschau halten lässt. Das gibt mir Befriedigung. Die Schönheit ist die Form, der Sufismus ist die Essenz dieser Schönheit. Das ist es, was mich immer wieder von neuem mit Leben füllt und mein Leben lebenswert macht und mich zu einem „Baum“ werden lässt im Sinne Khalil Gibrans, der Bäume als Gedichte bezeichnete, die die Erde in den Himmel schreibt.
Frau: Warum haben sie kein Interesse, das Holz so zu bearbeiten, dass mehr von ihrem eigenem darin zu sehen ist. Es scheint doch so, als ob sie das Holz “einfach nur putzen”. Genügt Ihnen das?
Souhail: Der Mensch meint oft, es besser zu wissen, als die Schöpfung. Ich jedoch habe noch nichts entdecken können, das der Mensch besser kann, als die Schöpfung. Wenn ich „mich genug aus dem Weg“ lasse, dann gelingt eine Co-Kreation: Mein Herz, meine Augen und meine Hände, die mit der Schöpfungskraft zusammen arbeiten. Das ist der Bestfall. Und: das Schnitzen und Formen ist nicht mein Weg. Mein Weg ist der, die Schönheit des Verborgenen ans Licht zu bringen, die Manifestation der Stille zu würdigen. Das ist mir genug.
Frau: ich danken Ihnen für das Gespräch. Möchten Sie noch etwas hinzufügen?
Souhail: ja, ich möchte zum Abschluss diese fünf Zeilen aus Hermann Hesses Buch „Bäume“ vorlesen: „... In ihren Wipfeln rauscht die Welt, Ihre Wurzeln ruhen im Unendlichen; allein sie verlieren sich nicht darin, sondern erstreben mit aller Kraft ihres Lebens nur das eine: ihr eigenes, in ihnen wohnendes Gesetz zu erfüllen, ihre eigene Gestalt auszubauen, sich selbst darzustellen. Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner, starker Baum.“
Abdelfattah Souhail ist 1960 in Kaala als drittes von sieben Kindern geboren. Er lebt seit 1989 in Italien.